Multihullnetze u. Trampoline

Was sind / wozu dienen Multihullnetze? Welchen Ansprüchen / technischen Anforderungen müssen diese gerecht werden? Welche Materialien / Fertigungsweisen kommen in Frage / bzw. sind wirklich geeignet?

Ein Multihullnetz ist das flexible, Luft und Wasser durchlässige gespannte Deck, welches den Freiraum zwischen den zwei oder drei Rümpfen eines Multihulls dort überbrückt und begehbar macht, wo der Designer kein festes Deck vorgesehen hat oder dies nicht empfehlenswert ist, wie z.B. bei fast allen auf Geschwindigkeit ausgelegten Strandkats, sowie im Vorschiffsbereich der meisten Kajüt und Kreutzerkats. Auch bei einigen Open-Bridge-Deck Designs wird nur ein kleiner Teil des Decks fest eingedeckt oder sogar wie im Racing Bereich nur mit Netzen gearbeitet.

Die Gründe für ein solches flexibles / durchlässiges Deck sind vielschichtig miteinander verknüpft und im Verhältnis zum jeweiligem Riss vom Designer zu bewerten.                

So kann durch ein wirklich durchlässiges Vornetz jede einsteigende Welle fast widerstandslos hindurchgehen, so dass der Kraft des Wassers seitens des Schiffs nichts entgegen wirkt. Bei Schwerwetter wird auf dem durch die Wellen pflügenden und eintauchenden Vorschiff, die Gefahr von Bruch minimiert.

Gegenüber einem festen Deck bietet ein Netz viel weniger Windwiderstand. Dies ist sowohl für die Geschwindigkeit, die Höhe am Wind, als auch für die Seegängigkeit wichtig. Im Fall einer drohenden Kenterung bei Fahrt quer zur Welle kommt beim festen Deck zusätzlich zum Winddruck auf Segel, Schiff und Rigg, auch noch der Winddruck von unten unter das Schiff, in dem Moment, wenn es schräg über den Wellenkamm gleitet (siehe Zeichnung). Diese zusätzlich anhebende Kraft unterstützt eine mögliche Kenterung nicht unwesentlich. Bei einem wirklich durchlässigen Netz wird dieser Effekt kaum erzeugt.

Ein weiter Vorteil des Netz-Decks gegenüber einem festen Deck ist die Gewichts-Ersparnis. Ein ca. 4,5 x 5 m großes Vordeck bei einem 12 x 7 m Fahrtenkat würde in  6 – 8 mm Sperrholz und Glas ca. 6 – 8  kg/m2 wiegen, also mindestens 135 kg , ein Netz dagegen fast nichts. Dafür könnte man z.B. 135l Wasser mitnehmen. Bei einem Open-Bridge-Deck Design komplett nur mit Netz liegt die Differenz zu einem einfachen Sperrholz – oder GFK-Deck leicht bei mehreren 100 kg. Der My-Kat den wir einen Sommer segelten wog leer inklusive Segel und Mast ca. 600 kg. Ein Strider Club bringt gut das Doppelte auf die Wage. Eine Dragonfly 800  oder ein F 27 wiegt ca. 1.200 kg. Unsere Telstar 8 m wog gut über 2 Tonnen (leer). Würde man einen Riss mit Semideckshaus (z.B. für Kojen, wie bei der Tektron 35) oder gar ein Salon-Deckshaus mit Stehhöhe im Vergleich zu Netzen heranziehen, so käme auf Unterschiede von mehreren Tonnen.

Dieses Gewicht zählt im Prinzip nachteilig, wenn es um Seegängigkeit und / oder Geschwindigkeit geht. Je nach Höhe des festen Brückendecks ist auch noch der Seeschlag von unten zu bedenken, welcher das Schiff, zumindest bei schwerem Wetter belastet und aufstoppen lassen kann.

Das Netz-Deck eines Multis ist also ein nicht zu unterschätzender Faktor in den Punkten Sicherheit und Geschwindigkeit. Es muss für den Menschen aber auch eine feste und rutschsichere Arbeitsplattform sein, die möglichst wenig nachgibt bzw. sich wirklich fest spannen lässt. Dafür kommen nicht allzu viel Materialen und Fertigungsweisen in Frage. Zumal das ganze ja auch noch mehre Jahre (möglichst viele) z.B. im Mittelmeerraum ganzjährig der Witterung und Sonnenstrahlung standhalten soll/muss, ohne zu ermüden bzw. morsch zu werden. Der Gang auf das Vorschiff darf auf keinen Fall durch ein plötzliches einreißen des Netz-Decks gefährdet werden. Verantwortlich ist letztendlich der Eigner für sein Schiff, wie wir ja alle wissen.

Nicht nur Schwimmwesten, Rettungsinseln und Seenotsignale haben ein Verfalls- bzw. Prüf- Datum, auch die Netze eines Multis altern und bedürfen einer regelmäßigen Prüfung und Kontrolle, bzw. eventueller Reparaturen. Im Zweifelsfall müssen sie erneuert werden. Die Kosten sind zugegebener Maßen nicht gering, sind aber nicht zu vermeiden, da die Lebensdauer begrenzt ist. Kein Netz-Material kann dem ständigen Einfluß von Sonne, Salz und den temporären punktuellen Belastungen auf Dauer standhalten. Es muss erkannt werden, wann das Material morsch bzw. ermüdet ist. Wird in Extremsituationen das Netz plötzlich besonders belastet und es reißt, besteht die Gefahr, dass jemand über Bord geht. Die Chance ist sehr hoch, da von niemand damit gerechnet wird, dass der Fußboden plötzlich unter ihm nachgibt. Das Netz wird mit der Selbstverständlichkeit eines festen Decks benutzt. Gegen seitliches Überbordfallen schützt sich jeder Segler in gewisser Weise intuitiv, da es unbewusst als Möglichkeit berücksichtigt bzw. akzeptiert wird. Dass das weiche Deck unter einem zusammenbricht wird nicht erwartet, dementsprechend ist das Überraschungsmoment. Passiert dies Einhand, bei Nacht  oder bei schwerem Wetter, dürfte das Leben des Überbordgegangenen nur schwer zu Retten sein. Das heißt das morsche Netz wird mit einem Menschenleben bezahlt. Unter Unständen ist mit einer entsprechenden Seegerichtsverhandlung zu rechnen. Also tatsächlich und sorgfältig die Belastbarkeit des Netzes in regelmäßigen Abständen prüfen. z.B. durch Belasten im Hafen mit mehren schweren Mitseglern. Am besten mit einer vielfachen der unter Fahrtbedingungen zu erwartenden Last, z.B. acht statt zwei Segler (evtl. wippen/hüpfen)

Zusätzliche Sicherheit bietet auch eine spezielle Gurtverstärkung im Mittelbereich oder eine feste Mittellaufplanke, z.B. aus einer leichten Aluleiter mit dünner Alu- oder Netz-Bespannung bietet hier zusätzliche Sicherheit.

Das verwendete Netzmaterial muss möglichst fest und UV – beständig sein, sowohl das Grundmaterial als auch alle verwendeten Naht-Fäden und Spannleinen. Als Grundmaterial bietet sich geknotetes oder knotenfrei gewirktes Netzmaterial in unterschiedlichen Maschenweiten an, ähnlich dem gewöhnlichen Fischernetz, welches prinzipiell natürlich auch geeignet ist. Diese Netze mit großer Maschenweite bieten am wenigsten Wind-  und Wasserwiderstand, aber auch am wenigsten Komfort zum gehen/sitzen oder liegen und sind am schwierigsten zu spannen. Ein moderneres, in letzter Zeit immer beliebter gewordenes Grund- Material ist so genanntes Mesh Gewebe. Ursprünglich wurden diese fast ausschließlich für Strandkats verwendet, wo sie sich auch sehr bewährt haben und das einfache klassische Planen-Trampolin fast vollständig verdrängt haben. Durch steigende Ansprüche und Nachfrage im Serienbau, sowohl bei Kreutzerkats als auch bei den trailerbaren Designs (Quornig, Farrier usw.) sowie andere Marineanwendungen wurden diese leichten Gewebe seitens der Industrie weiterentwickelt. Es entstand ein so genanntes Heavey Dyuty Mesh Gewebe, das wirklich allen Anforderungen gerecht wird, bzw. standhält, sowohl in Haltbarkeit, Spannbarkeit und Komfort, als auch in Durchlässigkeit und UV-Beständigkeit.  

Als letztes Grundmaterial  soll hier die individuelle Gurtflechtung für den wirklich großen Fahrtenkat stehen. Hierbei werden Flach-Gurtbänder, ähnlich dem Material von Autosicherheitsgurten, von Hand zu einem passgenauem Netz verwebt bzw. verflochten, die dabei entstehenden Kreuzpunkte müssen mehrfach vernäht werden. Durchlässigkeit und Komfort hängen hier von der verwendeten Gurt- und Maschenbreite ab, die aber innerhalb gewisser Grenzen frei wählbar ist. Haltbarkeit, Spannbarkeit, Festigkeit und UV-Beständigkeit lassen sich durch Auswahl des entsprechenden Gurtmaterials genau definieren. Als Nachteil ist der immens hohe Fertigungsaufwand zu sehen.

Alle Arten von Netzen sollten an den Kanten mind. doppelt  umgenäht und eingefasst werden. Zum befestigen zum Schiff hin müssen entweder Ösen eingenietet oder z.B. verstärkte Liekbänder angebracht werden. Eine besonders elegante, langlebige und vor allem, für feste und gleichmäßige Spannung sorgende Lösung ist es, umlaufend eine Art Lattentasche für runde Alurohre oder Fiberglasstäbe anzubringen, welche Schlitze/ bzw. Aussparungen für eine umlaufende Verspannung zum Schiff enthält. Diese Lösung (auf dem Foto von unserem Edel 33 gut zu erkennen) hat sich für mittlere bis große Fahrtenkats und Tris besonders gut bewährt.

Die Verspannung zum Schiff erfolgt entweder mit Gurtband oder reckfreiem Tauwerk wie z.B. Dyema. Auch eine Verspannung mit Gummi-Tau ist möglich, dadurch erhält das Netz ein wenig den Charakter von einem Sprung-Trampolin. Dies ist sehr interessant für Kinder. Unsere sieben jährigre Tochter liebt unser so gespanntes Netz, unter anderem zum Hüpfen. Diese Befestigung ist aber nur im Norden zu empfehlen, und auch hier alle 1 – 2 Jahre komplett zu erneuern. Für Strandkats wird ein Liek/Kederband eingenäht, welches in die Beams eingezogen wird und in der Mitte durch Ösen mit Tauwerk gespannt wird. Bei Fahrtenschiffen werden am besten Aug-Schrauben/Muttern schiffsseitig angebracht, durch die eine reckfreie Spannleine gezogen wird. Diese kann dann mit der Winsch richtig dichtgeholt werden. Das Anbringen einer Mastschiene mit Rutschern ist auch eine praktikable Lösung. Wobei die Plastikrutscher allerdings Geräusche machen (knarren) und bei dünnen Spannleinen gerne brechen. Hier muss zum spannen entweder besonders dickes Tauwerk oder Gurtband verwendet werden. Alternativ können Rutscher aus Edelstahl verwendet werden, die allerdings deutlich teurer sind.

Welches Grundmaterial verwendet wird und welche Verspannung-/ Anbringungsmethode zum/am Schiff gewählt wird muss von jedem Eigner individuell und persönlich entschieden werden. Dabei sollten die jeweiligen Ansprüche an Komfort, Seegängigkeit (unter Berücksichtigung des vorrangigen Fahrgebiets – Innshore/Offsohre, Haltbarkeit und Preis / Leistung`s Verhältnis genau gegeneinander abgewogen werden. Die letztendliche Entscheidung ist unter Umständen sehr weit reichend und auch Sicherheitsrelevant.